Interview mit Edlira Priftili, Martin Meier & Toralf Schenk zum Friedenskonzert 

 

 

Von Feinden zu Freunden

 

Im November 2018 jährt das Ende des 1. Weltkrieges, der bis dahin größten militärischen Auseinandersetzung in Europa und auch weltweit, zum 100 Mal. Die Erinnerung an den „Grande Guerre", den Großen Krieg, ist im historischen Bewusstsein unserer Nachbarn in Frankreich und Großbritannien sehr präsent. Der technische Fortschritt, die Entwicklung moderner Waffen, deren industrielle Produktion und ihre enorme Zerstörungskraft mit pausenlosem Artilleriefeuer im sinnlosen Stellungskrieg töteten, verletzten, verstümmelten Millionen. Nahezu jede Familie in Frankreich, Deutschland und Großbritannien war direkt oder indirekt von den Schrecken des Krieges betroffen. Das unvorstellbare Leid und die unbegreiflichen Gräuel haben aber auch einen grundlegenden Wandel der europäischen Politik und Erinnerungskultur bewirkt. Das Gedenken an die unheilvolle Geschichte des Krieges erfährt am Beinhaus von Douaumont bei Verdun eine neue Dimension einer europäischen Erinnerung und steht für einen Aufbruch in eine gemeinsame und friedvolle Zukunft. Am Ewigkeitssonntag veranstaltet die Evangelische Kirchengemeinde Jena mit dem Verein InterCoral Jena e.V., der Kantorei St. Michael und dem Chœur de Saint-Guillaume aus Strasbourg aus Anlass dieses Jahrestages ein Gedenkkonzert. In einem Interview erläutern die beiden Chorleiter und der Veranstaltungsorganisator vor Ort ihre Beweggründe für die gemeinsame Veranstaltung.

 

Wir grüßen Sie, Mde. Priftuli, Herr Meier, Herr Schenk. Mde. Priftuli, Sie haben die Einladung zum gemeinsamen Konzert in die Stadtkirche St. Michael zu Jena nach nur kurzer Bedenkzeit angenommen. Was ist Ihr Beweggrund den weiten Weg aus dem schönen Elsass nach Thüringen anzutreten?

Priftuli: Diese Einladung anzunehmen war für mich selbstverständlich. In Frankreich, und im Elsass ganz besonders, wird die Erinnerung an den Waffenstillstand vor hundert Jahren in diesem Jahr durch viele Ereignisse begangen. Dem Ersten Weltkrieg zu gedenken führt dazu, den Friedens- und Versöhnungswillen in Europa in den Vordergrund zu bringen, in welchem die deutsch-französische Freundschaft seit dem Anfang federführend ist.

 

Mde. Priftuli, erzählen Sie uns bitte ein wenig von Ihrem Chor, war es denn schwierig, Ihre Mitglieder zu der Konzertreise zu bewegen?

Priftuli: Seit seinen Anfängen pflegt der Chœur de Saint-Guillaume durch seine besondere Stellung im Elsass, die musikalischen Verbindungen zwischen Frankreich und Deutschland zu entwickeln. Man könnte im kulturellen Sinn von einem deutsch-französischen Chor sprechen. Viele Chormitglieder sprechen deutsch, einige sind sogar deutscher Herkunft. Grenzüberschreitende Chorpartnerschaften sind Bestandteil seiner Identität und die Chorsänger waren schnell begeistert durch die Perspektive dieser musikalischen Reise nach Jena. Es war nicht schwer sie zu überzeugen!

 

Gemeinsames Singen macht Freude, Singen macht glücklich. Dieses Konzert kann ein Beispiel für die versöhnende Wirkung von Musik, von erlebter Versöhnung sein. Was denken Sie denn, was Musik alles bewirken kann?

Priftuli: Im Elsass ist der Friedenswille umso stärker, da dieses Land oft durch Kriege in Mitleidenschaft gezogen wurde. Durch Musik und Volkslieder gekennzeichnete Friedens- und Versöhnungszeiten sind beeindruckende Beispiele der Auswirkung der Musik auf den Geist. Wenn man miteinander singt, wenn man eine solche tiefgreifende Erfahrung in Herz und Geist teilt, ist es schwieriger, an Kriegführung zu denken. Dies ist jedenfalls zu hoffen.

Meier: Musik kann mehr als das gesprochene Wort die Menschen erreichen. Musik kann Gefühle noch besser zum Ausdruck bringen als Worte, Musik kann durch ihre unterschiedlichen Stile, auch durch die Wahl der unterschiedlichen Konzertstücke die Gedanken von Betroffenheit, Versöhnung, Leid und Vergebung sehr stark zum Ausdruck bringen und damit transportieren.

Schenk: In der Frage stecken schon zahlreiche Antworten. Musik macht glücklich – schafft also Emotionen; versöhnt – baut demnach Brücken und schafft somit über Sprachbarrieren hinweg Möglichkeiten der Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen. Musik ist – frei nach Victor Hugo – ein Medium, das Dinge anspricht, die gesagt werden müssen, für die aber manchmal die passenden Worte fehlen und deren Verschweigen unhaltbar wäre.

 

Was bedeutet das Konzert für Sie persönlich?

Priftuli: Seit Monaten freue ich mich auf diese Reise: als Mensch, wegen dem tiefen Versöhnungs- und Friedenssinn dieser Unternehmung, sowie auch für die Besichtigung einer für seine Geschichte in Wissenschaften und Philosophie bekannten Stadt. Auch als Musikerin freue ich mich die Gegend, in der Johann Sebastian Bach lebte, zu besichtigen. Als Chorleiterin, freue ich mich auf die Perspektive mit einer Gruppe zu musizieren, die ich in nur kurzer Zeit kennenlernen werde und mit der wir die gemeinsame Sprache der Musik teilen werden. Es gibt also viele Gründe sich zu freuen!

Meier: Zu meinen prägendsten Kindheitserinnerungen gehören Konzertreisen nach Dijon und Paris. Alle diese Reisen hatten neben dem Zusammenhalt des Chores vor allem ein Ziel: von Deutschland aus ein Zeichen der Versöhnung nach Frankreich zu setzen. Man kann froh und dankbar sein für die Erfolge der Aussöhnung mit Frankreich. Deshalb ist es für mich eine große Ehre, jetzt als Dirigent den Gedanken der Versöhnung aufzugreifen und aktiv zu gestalten.

 

Herr Meier, zum wiederholten Male führen Sie ein gemeinsames Gastspiel mit einem gemischten Chor durch, den Sie in seiner Gesamtheit erst am Tag der Generalprobe kennenlernen. Was motiviert Sie denn zu dieser aufregenden Vorgehensweise?

Meier: Es ist vor allem die spannende Erfahrung, zwei Chöre aus sehr unterschiedlichen Regionen und Traditionen, die getrennt geprobt haben, zur ersten gemeinsamen Probe zu einem großen Ganzen zusammenzuführen.

 

Welche musikalischen Highlights erwarten uns? Mit welchem Esprit haben Sie denn diese Werke ausgewählt?

Meier: Es war vor allem die Frage: welche Stücke passen zum Anlass und passen diese auch programmatisch zusammen. Ich denke, die Wahl zweier a cappella-Stücke und zweier chor-sinfonischer Werke mit typischen deutschen und französischen Stilmerkmalen passen sehr gut zusammen. Inhaltliche Schwerpunkte sind die Gedanken an Schuld (Psalm 130 von Gluck), Bitte um Frieden (Schütz-Motette und Pärt-Meditation) sowie Leid, Tod, aber auch Trost und Vergebung (Fauré-Requiem) schlagen einen Bogen, der dem Anlass sehr gut entspricht.

Priftuli: Mit den ausgewählten Stücken wollten wir verschiedener schwieriger Zeiten in der Europäischen Geschichte gedenken: dem dreißigjährigen Krieg, dem ersten Weltkrieg, den Attentaten von Barcelona in jüngerer Zeit… All diese Momente tragen in sich die Hoffnung, den Menschen in einen inneren Friedenszustand, mit Empathie und Mitleid zu seinen Nächsten, zu erhöhen, was den Frieden von der Utopie näher zur Wirklichkeit rücken würde.

 

Der Erste Weltkrieg wurde mit dem Versailler Vertrag 1919 auf dem Papier beendet. Doch in den Köpfen schwelte der Konflikt weiter, die Spannungen konnten nicht überwunden werden, führten letztlich auch zu einem Zweiten Weltkrieg. Was bedeutet die heutige deutsch-französische Freundschaft für Sie?

Meier: Ich habe die Teilung Europas und die Zeiten, wo es zwischen Deutschen und Franzosen noch nicht so harmonisch zuging, bewusst erlebt. Von daher bin ich nicht nur froh und erleichtert über das Erreichte, sondern vor allem sehr, sehr dankbar.

Priftuli: Drei Werke des Programms, vom 16. bis zum 19. Jahrhundert sind deutscher oder französischer Herkunft, das Stück von Arvo Pärt jedoch, ein zeitgenössischer estländischer Komponist, dient der Mahnung, dass Krieg überall und zu jeder Zeit ausbrechen kann. Es ist also unsere Pflicht permanent Friedensstifter zu sein. Die deutsch-französische Freundschaft hat ihr Ziel noch nicht erreicht, diese Freundschaft muss wachsam bleiben und mögliche Keime späterer Konfliktgründe früh erkennen können, um den Frieden zu wahren. Wer den Frieden will, bereitet den Frieden!

Schenk: Die heutige deutsch-französische Partnerschaft ist meiner Ansicht ein Erfolgsmodell. Es gleicht fast schon einem Wunder, dass binnen kürzester Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aus erbitterten Feinden Freunde wurden, die den gemeinsamen europäischen Gedanken maßgeblich und verantwortungsbewusst. In Zeiten verstärkter nationaler Tendenzen in einigen europäischen Staaten und der scharfen Kritik gegenüber der Europäischen Union sollte die Antwort auf die Frage nach der Zukunft Europas immer lauten: Wir brauchen mehr Europa! Dieses „Mehr an“ kann v.a. durch Frankreich und Deutschland gefördert werden, indem wir mit gutem Beispiel den Europagedanken leben, auch in der Musik.

 

Die Fragen stellte Ralf Claus, die Beiträge von Frau Edlira Priftuli wurden von Herrn Nicolas Greib übersetzt.