Interkultureller Austausch, Versöhnung und  Völkerverständigung rund um den geographischen Mittelpunkt Europas

 

Reise in die unbekannte Mitte Europas

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Verwirklichung von Völkerverständigung und des Gedankens der Versöhnung durch persönliche Begegnung und unmittelbaren zwischenmenschlichen Austausch deutlich und erlebbar zu machen. Es bestehen erhebliche Defizite in der Kenntnis der Aufführungspraxis und des musikalischen Verständnis in Ländern des osteuropäischen Kulturkreises wie beispielsweise der Republik Belarus. 

Ende September brach ein Ensemble des Kammerchores und des Collegium musicums zu einer acht-tägigen Gastspielreise auf, um durch interkulturellen Austausch zu einem besseren Verständnis unterschiedlicher Kulturen sowie zum Abbau von Vorurteilen, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus beizutragen. Auf Einladung des deutschen Botschafters gestalten wir die traditionellen ‚Deutschen Wochen‘ rund um den Tag der Deutschen Einheit mit. Der innovative Charakter des Projektes kennzeichnet sich durch die unmittelbare Kombination einer Gastspielreise mit einer musik-pädagogischen Aufarbeitung zur Aufführungspraxis mit Studierenden der Musikakademie Minsk sowie mit individueller und wirkkräftiger Nachwuchsförderung. Es ist vorgesehen, ein Nachwuchstalent auszuwählen und ihm ein Reisestipendium nach Jena und Weimar mit Konzert im Orgelsommer 2019 zu gewähren.

 

Am 29. September 2018 begaben sich die 32 Musikerinnen und Musiker unter der Leitung von KMD Martin Meier auf die Reise nach Belarus. Nach einer Zwischenübernachtung in Breslau und einer zeitraubenden Kontrolle an der polnisch-weißrussischen Grenze erreichte die Gruppe nach rund 20 Stunden Fahrtzeit die weißrussische Hauptstadt. Anlass der Reise war die Einladung des deutschen Botschafters, Peter Dettmar, zu den Deutschen Wochen, die vom 23. September bis zum 18. November 2018 im 11 verschiedenen Städten in Weißrussland stattfinden.

Das musikalische Gepäck umfasste die Bachkantaten – „Nun komm, der Heiden Heiland“ (BWV 61) und „Christ lag in Todesbanden“ (BWV 4), Werke, die in Weißrussland kaum bekannt sind. Neben den Kantaten erklangen als Orchesterwerke das Orgelkonzert in g-moll op. 4 Nr. 3 von Georg Friedrich Händel und das Violinenkonzert d-moll RV 242 von Antonio Vivaldi. Feierlichen Abschluss eines jeden Konzertes bildete das „Tollite hostias“ von Camille Saint-Saëns. Drei Mal brachten die Jenaer dieses einstündige Konzert zu Gehör. In der weißrussischen Musikakademie der Landeshauptstadt versammelten sich rund 200 meist junge Gäste am Montagabend im Konzertsaal. Unter ihnen auch der deutsche Botschafter und die Leiterin der Staatlichen Musikakademie. Sie bedankte sich v.a. für den musikalischen Brückenschlag zwischen den beiden Ländern, eröffnete doch das Konzert der Thüringer zugleich die Konzertsaison 2018/19 an der Musikakademie. Diese Einrichtung ist vergleichbar einer deutschen Musikhochschule, an der gegenwärtig 1200 Studenten in allen Orchesterinstrumenten eine Ausbildung erhalten. Zugleich handelt es sich hierbei um die einzige Musikakademie in Weißrussland.

Am Vorabend zum Tag der deutschen Einheit empfing der deutsche Botschafter rund 500 Vertreter aus Wirtschaft, Kultur und Politik in dem Internationalen Bildungs- und Begegnungszentrum (IBB), benannt nach ihrem Gründer, dem ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau. Botschafter Dettmar warb in seiner sehr bewegenden Ansprache für die Verständigung zwischen den Nationen und für ein menschliches Miteinander in Europa und der Welt. Gedanken, die auch der stellvertretende Außenminister Weißrusslands, Oleg Krawtschenko, in seiner Rede im Anschluss aufgriff. Kammerchor und Orchester eröffneten den offiziellen Festakt mit den Hymnen der Bundesrepublik Deutschland, der weißrussichen Republik und der Europäischen Union.

InterCoral Jena e. V. schrieb bei dieser Reise erstmalig auch einen Nachwuchsförderpreis aus, mit dem Ziel, jungen begabten Musikern eine Konzert- und Studienreise nach Deutschland zu ermöglichen. Die Auswahl fiel auf die Organistin Katja Iwanowa, die ein zweckgebundenes Stipendium in Höhe von 500 Euro erhält, das zur Finanzierung ihrer Reise nach Mitteldeutschland im Sommer 2019 genutzt wird. In Jena und Weimar hospitiert und begleitet sie die Arbeit von KMD Martin Meier und eines Professors an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar. Die Preisübergabe erfolgte im Rahmen des Konzertes in der Marienkirche in Minsk, in der Kammerchor und Collegium musicum rund 200 Gäste zum abendlichen Konzert begrüßen konnten. Langanhaltender Applaus und Bravo-Rufe animierten die Musiker zu einer Zugabe. 

Der Anspruch der Reise zur Versöhnung beizutragen, erlebte mit dem Besuch der Nationalen Gedenkstätte in Chatyn einen emotionalen Höhepunkt; den Ort, der seit 1969 an die Verbrechen der Nationalsozialisten gegenüber der weißrussischen Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges erinnert. Bewegt von der Erinnerungskultur des Ortes legten die Thüringer einen Kranz in den Jenaer Stadtfarben nieder und hielten eine musikalische Andacht am zentralen Mahnmal der Gedenkstätte.  

Die Fahrt führte über die viertgrößte Stadt des Landes, Witebsk, den Geburtsort des Malers Marc Chagall, weiter in die älteste Stadt des Landes nach Polozk. Auf Einladung von Xenia Pogorelaja konzertierte das Ensemble in der Sophienkathedrale, einer der größten und eindrucksvollsten Gotteshäuser des Landes, die seit ihrer Restaurierung 1985 auch als moderner Konzertraum genutzt wird. Rund 250 Gäste strömten zu diesem Konzertereignis und würdigten mit ihrem minutenlangen Applaus die in ihrem Land sonst eher selten erklingende Musik des Barock. Blumen und Geschenke als Ausdruck der Freude und des Dankes erhielt Martin Meier stellvertretend für seine Musikerinnen und Musiker für das Konzert in der Stadt, die für sich in Anspruch nimmt, der geografische Mittelpunkt des europäischen Kontinents zu sein.

Auf seiner letzten Station begegneten die Musiker erneut einem interessierten und aufgeschlossenen Publikum in der Johannes-Kirche in Hrodna, der einzigen evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Weißrusslands. Auf Einladung von Wladimir Tatarnikow, der bereits in Jena zu Besuch war, intensivierten beide Kirchgemeinden ihren Kontakt. Vereint in der Musik und Grenzen überschreitend verabschiedeten sich die Thüringer am Samstagabend von rund 200 Gästen und traten die Heimreise über Warschau zurück nach Deutschland an.

Am Ende der Reise steht das Fazit, dass Musik Grenzen jedweder Art überwinden kann und persönliche Kontakte der Schlüssel für Austausch und Versöhnung sind. 

 

Das Vorhaben wurde durch Spenden der Fa. Bauerfeind, der alternative 54 e. V. und der Volksbank Gera•Jena•Rudolstadt sowie Zuwendungen von JenaKultur und der Thüringer Staatskanzlei großzügig unterstützt.

 

Programm

        Georg Friedrich Händel: Orgelkonzert g-Moll op. 4 Nr. 3

J. S. Bach: Kantate BWV 61 "Nun komm der Heiden Heiland" für Solo, Chor & Orchester

Antonio Vivaldi: Violinkonzert d-Moll RV 242

J. S. Bach: Kantate BWV 4 "Christ lag in Todes Banden" für Chor & Orchester

Camille Saint-Saens: "Tollite hostias"

 

Mitwirkende

Anna Gorgadze, Sopran-Solo

Beate Oehlwein, Violine

Helga Assing, Continuo

Kammerchor St. Michael Jena

Collegium Musicum St. Michael

Orgel solo und Leitung: KMD Martin Meier

 

Organisation:

InterCoral Jena e.V., Jena

Dr. Klaus Baier, Kahla

 

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