Der 8. Mai 1945 – vor 75 Jahren schwiegen die Waffen 

 

Kein anderes Ereignis der deutschen Zeitgeschichte ist im Rückblick so anhaltend ambivalent betrachtet worden wie der Tag, an dem in Europa die Waffen des Zweiten Weltkriegs verstummten, der im Pazifik erst nach den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki sein Ende fand. Seine Vieldeutigkeit beginnt schon mit dem Datum. In den Nieder­landen fällt der „Bevrijdingsdag“ auf den 5. Mai, der als gesetzlicher Feiertag an die Befreiung von der deutschen Besatzung erinnert. Russland hingegen feiert den 9. Mai, weil die von den deutschen Befehlshabern des Heeres, der Kriegsmarine und der Luftwaffe – Keitel, von Friedeburg und Stumpf – in der Pionierschule Berlin-Karlshorst unterzeichnete Kapitulation nach Moskauer Zeitrechnung erst in den frühen Stunden des 9. Mai erfolgte. Rechtswirksam wiederum war schon die vorherige Gesamtkapitulation, die Alfred Jodl vom 6. auf den 7. Mai 1945 in Reims vereinbarte und die am 8. Mai um 23:01 Uhr mitteleuropäi­scher Zeit in Kraft trat.

 

Über dieser Datierungsunsicherheit wiederum schwebt die rechts- und geschichtswissen­schaftlich jahrzehntelang viel erörterte Frage, ob diese Unterwerfung nur eine militärische oder zugleich auch eine staatsrechtliche Selbstaufgabe bedeutete, mit der das Deutsche Reich selbst als Rechtssubjekt erlosch; die „oberste Regierungsgewalt hinsichtlich Deutsch­lands“ übernahmen die vier Alliierten jedenfalls erst in einer eigenen Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945.

 

So unsicher das genaue Datum und der eigentliche Umfang der vereinbarten Regelung zur Einstellung der Kampfhandlungen waren, so unsicher blieb über vier Jahrzehnte ihr Platz im deutschen Gedächtnis. Die von der Geißel des deutschen Welteroberungskrieges befreiten Staaten feiern bis heute die jährliche Wiederkehr des alliierten Sieges als VE-Day (Victory in Europe Day); die beiden deutschen Staaten dagegen hatten sich mit einem Ereignis ausein­anderzusetzen, das für die Deutschen Untergang und Auferstehung zugleich bedeutete.

 

Aber auch in die deutsche Erinnerungskultur ist Bewegung gekommen: Der 8. Mai ist in diesem Jahr in Berlin bereits staatlicher Feiertag. Die darin zum Ausdruck kommende Gedenkbereitschaft geht vornehmlich auf die besondere Magie des Datums zurück, das in diesem Jahr nicht nur ein Anniversarium, sondern ein Jubiläum bedeutet – am 8. Mai jährt sich das Ende des verheerendsten Krieges der Menschheitsgeschichte zum 75. Mal. Der gegenwärtig diskutierte Appell, den 8. Mai dauerhaft zum nationalen Feiertag zu erheben, hingegen greift tiefer. Er schließt an eine seit Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 geführte Auseinandersetzung über den richtigen Umgang mit einem schwierigen Datum an; mehr noch: Er wirft die Frage nach dem deutschen Selbstverständnis auf.

 

Zusammengetragen auf Grundlage eines Interviews mit Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam und Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Potsdam und seit 2009 an der Humboldt-Universität zu Berlin

Quelle: https://geschichtedergegenwart.ch/der-8-mai-ein-deutscher-feiertag/